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Ein Leben am seidenen Faden

Die Zeitzeugin Eva Weyl beeindruckt Oberstufenschülerinnen und -schüler des GFG mit ihrer Familiengeschichte. Der Geschichte ein Gesicht geben. "Ich möchte, dass ihr meine Zeitzeugen werdet. Man muss die Geschichte weitererzählen. Ihr seid für das verantwortlich, was ihr aus der Geschichte macht!"

Diese Aufforderung stellte Eva Weyl ihrem Zeitzeugenbericht voran: Am 7. Februar, war die Niederländerin nach ihrem ersten Besuch Anfang des Jahres 2016 erneut zu Gast im Georg-Forster-Gymnasium Kamp-Lintfort.
Schulleiter Alexander Winzen begrüßte Eva Weyl und bedankte sich bei der Zeitzeugin, ein weiteres Mal von Amsterdam aus angereist zu sein. Wie wertvoll es sei, wenn eine Überlebende den Schülerinnen und Schülern ganz persönliche Einblicke in die Zeit des Nationalsozialismus gebe, habe er bereits bei ihrem letzten Besuch dem konzentrierten und interessierten Publikum ansehen können.
"Ich bin ein Glückspilz, denn ich bin hier. Ich habe überlebt, meine Eltern und meine beiden Großväter haben auch überlebt - und das ist die Ausnahme." Eva Weyl stellte die Geschichte ihrer Familie in das Zentrum ihres Vortrags und machte zugleich deutlich, dass diese Geschichte nur im historischen Kontext zu verstehen ist: Ihre Eltern siedelten 1934 wegen des zunehmenden Antisemitismus von Kleve nach Arnheim in den Niederlanden über. Doch im Mai 1940 marschierten die deutschen Truppen ein. Als Eva Weyl sechseinhalb Jahre alt war, internierten die deutschen Besatzer die Familie am 28. Januar 1942 im Durchgangslager Westerbork im Norden der Niederlande. Eingerichtet hatte das Lager 1939 die niederländische Verwaltung, um die vielen Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich abgeschottet von der eigenen Bevölkerung unterbringen zu können. Die deutschen Besatzer nutzten es weiter und stellten dort ab dem Sommer 1942 die Deportationszüge in die Vernichtungslager zusammen.
"Das Leben im Lager war so trügerisch." Eva Weyl erzählte, dass es ein Krankenhaus, eine Schule, einen Spielplatz und sogar eine Theater- und Kabarettgruppe gab. "Der Kommandant Gemmeker war klug, kein Sadist, und er hat wohl eine gute Kinderstube gehabt. Mit dem Jüdischen Oberarzt des Krankenhauses hat er sich gut verstanden. Als dieser einer kleinen Patientin nicht helfen konnte, weil die Ausstattung für die komplizierte OP fehlte, hat Gemmeker erlaubt, das Mädchen nach Groningen zu bringen und dort im Krankenhaus operieren zu lassen. Zwei Monate ist sie dort geblieben; als sie genesen zurück ins Lager kam, waren ihre Eltern überglücklich. Eine Woche später standen die drei auf der Liste für die Deportation in den Osten.“
Eva Weyl blieb mit ihrer Familie so lange im Durchgangslager Westerbork, weil sie drei Mal großes Glück hatte: „Unser Leben hing an eine seidenen Faden: Drei Mal standen wir kurz vor der Deportation.“ Ein Bekannter des Vaters steckte die Karteikarte der Familie in den Kasten zurück und übertrug den Namen nicht wie vorgesehen auf die Deportationsliste. Der Vater, zunächst zu landwirtschaftlichen Arbeiten eingeteilt, wechselte später in die Lagerverwaltung. Das bot der Familie einen gewissen Schutz vor einer schnellen Deportation und erlaubte ihr, gemeinsam in einer kleinen Baracke zu leben. Gleichzeitig  belastete die Arbeit den Vater sehr und als er meinte, es nicht mehr aushalten zu können, wollte er sich mit seiner Familie freiwillig zur Deportation melden. Nur mit Mühe konnte ein Freund ihn davon abhalten. Gegen Ende des Krieges wartete die Familie bereits früh morgens auf den angekündigten Abtransport, als die Alliierten versehentlich die Gleise in der Nähe des Lagers bombardierten, so dass keine Züge mehr fahren konnten. Schließlich erreichten am 12. April 1945 kanadische Soldaten das Lager Westerbork, dass die SS-Wachen bereits drei Tage zuvor verlassen haben.
Aber wird damit alles gut? Die Großväter überlebten, viele andere Familienmitglieder und Freunde kamen nicht zurück. Der Vater konnte nachweisen, dass seiner Familie vor der Verfolgung ein Haus in Kleve gehörte, dafür erhielt er eine Entschädigung. Für das große Kaufhaus Weyl fehlten jedoch die Papiere; der zuständige Richter in Düsseldorf lehnte jede Kompensation ab. Eva Weyl kehrte 1947 mit ihrer Familie nach Arnheim zurück, als Jugendliche besuchte sie regelmäßig ihren Großvater in Freiburg, verliebte sich dort das erste Mal – ausgerechnet in den Sohn eines hohen Nazi-Funktionärs. Mit 18 Jahren ging sie ein Jahr in die USA, studierte dann in der Schweiz, heiratete dort und bekam mit ihrem Mann zwei Söhne. Mittlerweile ist sie stolze Großmutter von fünf Enkelkindern.
Angesichts der politischen Entwicklungen in Europa und den USA und der aktuellen Flüchtlingspolitik appellierte Eva Weyl eindringlich an die Oberstufenschülerinnen und –schüler, die Augen aufzuhalten und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen: „Nutzt eure Bürgerrechte und geht wählen   bitte keine Extremisten!“
Marc Glorius, Vorsitzender der Fachschaft Geschichte, betonte abschließend, wie selten die Gelegenheiten sind, mit Zeitzeugen über die Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen, und war sehr zufrieden gerade auch angesichts der interessierten Fragen der Schülerinnen und Schüler zum Abschluss der Veranstaltung. ER bedankte sich vor allem bei Frau Weyl für ihren beeindruckenden Vortrag und dann auch beim Freundeverein des GFG, der einen Teil der Reisekosten für Frau Weyl übernommen hat.

Eva Weyl, Überlebende der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten, kurz vor ihrem Vortrag im Gespräch mit dem Schüler Victor Boldt, der den ersten Vortrag der Zeitzeugin im vergangenen Jahr zum Anlass genommen hat, ein Filmprojekt anzugehen, in dem Eva Weyl ihre Lebensgeschichte erzählt.